Hartwig Albiro
(1931-2024)
Hartwig Albiro hat Chemnitz geprägt, geformt und besonders als Regisseur und Schauspieldirektor in den 1970er und 80er Jahren Karl-Marx-Stadt zu einem Mekka der DDR-Schauspielkunst entwickelt. Nach der Sichtweise seines Kollegen Christoph Schroth: „Wo ich bin, ist keine Provinz!“, vollbrachte Hartwig Albiro das Außergewöhnliche, er zog die Theaterbegeisterten aus der gesamten DDR ins unentdeckte theatralische Niemandsland. Geboren wurde Hartwig Albiro 1931 in Meuselwitz. Sein Vater war Bäcker, und diesen Beruf erlernte er pflichtgemäß auch. Doch nicht zum Handwerk, sondern zum Theater fühlte er sich hingezogen. So stand er als Jugendlicher abends auf der Bühne und früh um vier Uhr am Backofen. Seine Theaterkarriere begann er als Statist, Tänzer und Chormitglied. Erste Engagements hatte er in Altenburg, Stendal, Dresden, Meißen sowie Görlitz-Zittau. Von 1968 bis 1971 konnte er als Regiemitarbeiter bei Helene Weigel am Berliner Ensemble arbeiten. Hartwig Albiros große Zeit begann 1971 in Karl-Marx-Stadt. Parteilos aber nicht unpolitisch, dafür hoch engagiert und schon gar „Nicht ohne Narrheit“, wie das gleichnamige, ihn porträtierende Buch verrät, fand er die außergewöhnliche Balance, in der DDR systemkritische Theaterkunst und Staatsräson auszutarieren. Bedeutende zeitgenössische Stücke, wie „Die Legende vom Glück ohne Ende“ von Ulrich Plenzdorf, „Der Bau“ von Heiner Müller oder „Tinka“ von Volker Braun konnte er im Spannungsfeld zwischen Widerstand und Unterstützung der Staatsmacht auf die hiesige Bühne bringen. Und nicht nur das. Schauspieler, die später im Fernsehen und im Kino berühmt wurden wie Matthias Günther, Michael Gwisdek, Corinna Harfouch, Dietmar Huhn, Dagmar Jäger, Horst Krause, Peter Kurth, Ulrich Mühe, Cornelia Schmaus und Andreas Schmidt-Schaller gehörten einst zu seinem Ensemble. Ebenso inszenierten Regisseure wie Hasko Weber, Frank Castorf und Piet Drescher unter ihm. Schon weit vor seinem Ruhestand brachte er sich als quicklebendiger Bürger in die Stadtgesellschaft ein. Im Wendeherbst 1989 wurde das Schauspielhaus unter seiner Leitung zu einem Zentrum der friedlichen Revolution in Chemnitz und er selbst zu einem repräsentativen Gesicht der politischen Wende. Nach 1990 beförderte er das neu erwachende Kultur- und Stadtleben. Er war Gründungsmitglied des Rotary Clubs, des Bürgervereins für Chemnitz, der Henry-van-de-Velde-Gesellschaft, der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft und des Theaterfördervereins. Als von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gezeichnetes Kind war es ihm Anfang der 2000er Jahre eine Herzenssache, den völkerverbindenden Chemnitzer Friedenstag und Friedenspreis mit zu initiieren.
Hartwig Albiro ist ein Großer Chemnitzer, der die Stadt zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht hat und weit über sie hinauswirkte.
